Rezension: Nicht schwindelfrei

Jürg Schubiger – Nicht schwindelfrei

Nicht schwindelfrei

  • Verlag: Haymon
  • Seitenzahl: 122
  • Teil einer Reihe?: Nein
  • Inhalt: Paul, erfolgreicher Journalist, ist etwas zugestoßen (was erfährt der Leser nicht) das in seinem Gedächtnis Lücken hinterlassen hat. „Seine Erinnerung ist zwar nicht verdunkelt oder erloschen, sondern bloß ein wenig defekt“ und so kann er die Welt staunend und neugierig wie ein Kind neu entdecken. Er unternimmt lange Wanderungen durch die Stadt und die Wälder und kommt dabei zu völlig neuen Sichtweisen, die freundlich und naiv sind und frei von eineigenden Kategorien.
  • Rezension: Schade, dass der Leser nur einen kleinen Ausschnitt aus Pauls Leben erfährt. Denn die wunderschöne, zarte Sprache des Autors macht fast süchtig und die Leichtigkeit , mit der ein gemeinhin als bedrohlich empfundener Zustand beschrieben wird, auch.Diese Zwischenzone, in der Paul sich befindet, zwischen dem Ende des Erinnerns und dem Anfang des Vergessens birgt offensichtlich mehr als Beängstigung, wenn man sich darauf einlässt. Der Leser begleitet Paul in seinem Alltag, lernt mit seinen Augen zu sehen, erfährt was Pauls Anderssein für seine Familie bedeutet und sinniert mit ihm völlig unverstellt über die Seltsamkeiten und Skurrilitäten des Lebens, der Kunst und der Liebe. Das Buch regt an, eine neue Balance zu finden zwischen notwendigem Erinnern und unbelastetem „Verlieren“ im Augenblick. Paul geht den Dingen auf den Grund, auch sprachlich, somit kommen auch Sprachliebhaber wegen der poetischen Sprache voll auf ihre Kosten. Das Buch ist absolut zu empfehlen. Vielen Dank an den Haymon Verlag der mir dieses eBook freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
  • Bewertung: 5 Sterne

Rezension: Boat People

Hans Christoph Buch – Boat People. Literatur als Gesellschaft

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  • Verlag: Frankfurter Verlagsgesellschaft
  • Seitenzahl: 122
  • Teil einer Reihe?: Nein
  • Inhalt: Hans Christoph Buch hat sich für eine Politikvorlesung an der Universität Bern auf die Suche nach „Boat People“ in der Literaturgeschichte gemacht. Dieser in den 70er Jahren aus dem amerikanischen Sprachgebrauch übernommene Begriff bezeichnet ursprünglich aus ihrem Heimatland geflohene Menschen, auf Grund von Verfolgung, Krieg, wirtschaftlicher Not, die in völlig ungeeigneten und überbeladenen Booten auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen vor Europas Küsten stranden. In Buchs Essay wird das Motiv des Totenschiffs mit dem Schicksal heutiger Flüchtlinge verglichen, denen in den verschiedenen Häfen die Landung verwehrt wird. Schon immer spiegeln die Kunst und Literatur das Elend der Vertriebenen, der Heimatlosen, der zwischen den Seltenen ruhelos Umherirrenden, der Schiffbrüchigen das Scheitern der Hoffnung auf eine menschliche Zukunft. Von Sindbad zu Wilhelm Hanf über Heinrich Heine und Richard Wagner bis zu Thomas Mann und Franz Kafka verfolgt Buch das Motiv des Geisterschiff weiter zu Traven, H.M. Enzensberger über Peter Weiß zu Günther Grass.
  • Rezension:  Das Buch ist in sechs abgeschlossene Vorlesungen eingeteilt, angereichert mit Abbildungen verschiedener Werket, die in den Vorlesungen Erwähnung finden. Vorbemerkungen und ein Epilog runden den Band ab. Wen das Motiv der „unendlichen Reise“ fasziniert, kommt beim Lesen der Kapitel voll auf seine Kosten. Wie bei Literaturvorlesungen üblich, werden die Thesen und Behauptungen mit Zitaten belegt, Querverbindungen und Verästelungen werden aufgezeigt und  machen Lust, einige Klassiker mal wieder im Original zu lesen. Buchs Vorlesungen sind spannend, detailreich und äußerst informativ, man muss sich zwischen den einzelnen Kapitel Zeit zum „Nachschmecken“ lassen. Wer gerne einen roten Faden zu einem bestimmten Thema in der Literatur – hier das Geisterschiff – vorgeführt bekommt, für de ist dieser Band genau richtig.Vielen Dank an die Frankfurter Verlagsgesellschaft, der mir dieses Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
  • Bewertung: 5 Sterne

Rezension: In einer Bar unter dem Meer

Christoph W. Bauer – In einer Bar unter dem Meer

In einer Bar unter dem Mee

  • Verlag: Haymon
  • Seitenzahl: 232
  • Teil einer Reihe?: Nein
  • Inhalt: In dem Prosaband von Christoph W. Bauer reuen sich neunzehn lose miteinander verbundene Einzelerzählungen aneinander, deren Hauptfiguren alle um die vierzig sind; keine Helden des Alltags sondern eher normale, zuweilen sonderbar anmutende Leute. Sie lavieren durchs Leben, bemüht aus ihrer unbefriedigenden Lebenssituation herauszukommen und doch letztlich unfähig auszubrechen.
  • Rezension: Die Schilderungen der Durchschnittsmenschen sind sehr intensiv , manchmal abgehackt aber auch lässig und elegant, dabei immer von sprachlicher Genauigkeit geprägt. Das macht das Lesen der Streiflichter einerseits zum Vergnügen. Andererseits befremden einige Geschichten derart, dass ich keinen Zugang dazu finden konnte. Selbst bei nochmaligen Lesen blieben sie rätselhaft. In vielen Geschichten kann man sich jedoch wiederfinden, wenn man hinter die Fassade des Sonderbaren schaut. Denn allen Episoden ist gemeinsam, dass sie von verpassten Chancen, den meist scheiternden Versuchen in andere Rollen aufzubrechen und der Flucht in Träume und Wahnvorstellungen handeln. Da gibt es den Säufer mit dem fiktiven Hund als Gefährten, einen Herrn Murr, der sein Gesicht im Büro vergessen hat und sich im Supermarkt in der Gesichtsabteilung eine „Mietvisage“ mit dem Konterfei von Hemmingway ausleiht und einen Lehrer, der sich weigert, die Schüler – wie laut ministerieller Vorschrift verlangt – zu „minimalkompetenten Genügendschülern“ zu erziehen und am liebsten die Stadt verlassen möchte, es aber nicht kann, weil er weiß, die Häuser und die Wege seiner Vergangenheit würden ihm nachlaufen. Solche Geschichten sind bizarr aber auch nachvollziehbar und fordern zum Nachdenken heraus. Da aber auch einige Geschichten sehr rätselhaft bleiben, empfehle ich das Buch nur denjenigen, die damit leben können. Vielen Dank an den Haymon Verlag, der mir dieses Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt hat.
  • Bewertung: 4 Sterne

Rezension: Der Mantel

Stephan Goetz – Der Mantel

Mantel

  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
  • Seitenzahl: 254
  • Teil einer Reihe?: Nein
  • Inhalt: Ulrich Schmidt, die Hauptfigur des Romans, ist Rechtsanwalt aus Ratlosigkeit mit einer eigenen eher mittelmäßig laufenden Kanzlei. Ebenso mittelmäßig und ereignislos verlaufen sein kinderlos gebliebene Ehe und der Rest seines Lebens, da er sich stark von Emotionen distanziert und Probleme lieber beharrlich aussitzt anstatt sie anzupacken. Das ändert sich, als er ungewollt Besitzer eines kleinen indischen Hundes wird und zeitgleich verstörende Enthüllungen über seine Vergangenheit zutage kommen, mit denen er sich gefühlsmäßig auseinandersetzen muss, was ihn dazu zwingt, aus der Betrachterperspektive in die Rolle des Reagierenden zu wechseln.
  • Rezension: Die Handlung des Romans erstreckt sich über einen Zeitraum von 10 Jahren – die Jahre, die das Leben von Ulrich Schmidt strak verändert haben. Weniger äußerlich als vielmehr innerlich, beginnend mit einer eigentlich ungewollten Beziehung zu einem jungen Hund namens Shiva, der ihm von einem ehemaligen Freund regelrecht aufgedrängt wird und der in ihm ungeahnte Gefühle freisetzt. Kurze Gegenwartshandlungen wechseln mit langen Schilderungen aus der Vergangenheit ab, die den Leser zunehmend in den Bann ziehen, wird er doch Zeuge einer erstaunlichen emotionalen Öffnung und einer schonungslosen Auseinandersetzung mit eigenen Bedürfnissen. Am Ende ist Schmidt bereit Risiken einzugehen und somit auch Schmerz und Enttäuschung in Kauf zu nehmen. Das alles ist vielschichtig und nachvollziehbar geschildert. Die Geschichte ist retrospektiv erzählt und beginnt mit dem Ausheben eines Grabes für einen Hund irgendwo am Ufer der Isar. Das macht neugierig. Es folgen abwechselnd die schon erwähnten langen Passagen über Schmidts Leben und kurze Schilderungen seiner mühseligen Grabungen, begleitet von inneren Monologen. Dieses Stilmittel hält die Spannung aufrecht, da äußerlich sonst nicht viel passiert und dem Leser hier eine kleine Verschnaufpause gegönnt wird. Die Sprache des Romans ist erfrischend anspruchsvoll und erhellt dem Leser nicht nur Schmidts Leben, sondern regt auch zum Überdenken eigener Lebensbaustellen an. Fazit: Unbedingt lesenswert! Vielen Dank an den Verlag Frankfurter Verlagsanstalt, der mir dieses Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt hat.
  • Bewertung: 5 Sterne