Rezension: Das Mädchen das man ruft

Tanguy Viel – Das Mädchen das man ruft
  • Verlag: Wagenbach
  • Seitenzahl:  155
  • Teil einer Reihe?: Nein
  • Inhalt: “ Die Protagonistin Laura, Anfang zwanzig und bildhübsch, kehrt nach Jahren in ihre alte Heimatstadt in der Bretagne zurück, wo ihr Vater Max wohnt, bei dem sie vorerst unterkommt. Er ist ehemaliger Boxmeister, ein Idol der Stadt, und arbeitet mittlerweile als Chauffeur des Bürgermeisters. Diesen bittet er fatalerweise um einen kleinen Gefallen, nämlich für seine Tochter eine Wohnung zu besorgen. Der  Bürgermeister lässt seine Beziehungen spielen und bringt Laura in einem Casino als „ Animateurin“ unter, wodurch sie ein Anrecht auf eine Mitarbeiterwohnung  hat. Doch dieser Gefallen wird nicht ohne Folgen bleiben und entwickelt sich zum zentralen Thema des Buches: Machtmissbrauch, Korruption, sexuelle Begierde und Übergriffigkeit, kurz Me-too.“ 
  • Rezension:  Die immer wieder gestellte Frage, warum sagen die Frauen nicht entschieden: „Nein!“, wird in diesem Buch auf das  Intelligenteste und Subtilste beleuchtet. Alle Facetten des Missbrauchs werden besonders von Opferseite, aber auch von Seiten der Täter beleuchtet, dazu gehören auch Mitwisser, Polizei, Staatsanwalt und die öffentliche Meinung. („Man kennt ja solche Frauen, die wollten es doch auch.“) Das erscheint dadurch gut nachvollziehbar aber auch schwer zu ertragen, besonders Lauras Seelenqualen, wenn sie immer wieder bei ihrer Anhörung feststellen muss, dass der Missbrauch nicht als solcher gesehen wird, da ja keine Gewalt angewendet wurde.
    Die Tatsache, dass Laura jung und  hübsch ist und bei Modeaufnahmen in Dessous recht freizügig war, berechtigt keinesfalls zu Übergriffen, die sich der Bürgermeister als „Belohnung“ für seinen Gefallen herausnimmt. Die beiden begegnen sich nicht auf Augenhöhe und so lässt sich Laura auf die erste sexuelle Handlung ein, in der Annahme, damit sei ihre Schuld abgegolten. Sie wehrt sich nicht, sondern erfüllt ihren Teil des Deals. Doch sie unterschätzt die Verselbständigung des Anspruchs des Bürgermeisters. Dieser hatte zunächst mit Gegenwehr gerechnet, das Ausbleiben berechtigt ihn in seinen Augen zum Weitermachen. Das und die Gedanken der das Protokoll der Anzeige aufnehmenden Polizisten werden facettenreich und spannend beleuchtet.
    Laura entschließt sich nach vielen Demütigungen, die eskalieren, zur Anzeige des Exbürgermeisters, der jetzt Minister für maritime Angelegenheiten ist. Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für Presse und Öffentlichkeit und der Autor schildert detailreich und fundiert die psychischen Reaktionen des Exliebhabers und seine Verteidigungsstrategien. Er befürchtet Erpressbarkeit und lässt sich auf ihre „Einladung“ ein, bei der sie für ihren ins Koma geboxten Vater einen Gefallen erbitten will. Deshalb liefert sie noch einmal sexuelle Dienste, wird aber nicht belohnt und beschließt, Anzeige zu erstatten. Sie hat es also nicht geschafft, den Spieß umzudrehen, und nach dem gleichen Muster, wie ihr Peiniger, Vorteile „herauszuwirtschaften“.
    Fazit: Stilistisch ist der Roman bemerkenswert: Wer lange, verschachtelte Sätze mit vielen Metaphern liebt, kommt voll auf seine Kosten. Mir war der Stil oft zu weitschweifig und manchmal banal: Er trug den Namen Frank Becell und einen weißen Anzug. Die Behandlung des Themas aus psychologischer Sicht ist faszinierend und aufschlussreich, („Solche Frauen kennt man ja, das rückt sich zurecht), die Figuren sind leider etwas blass geblieben. Bemerkenswert fand ich die wie beiläufig eingebaute Tatsache, dass die Opfer ihre Peiniger siezen, die Täter aber sofort ihre Opfer duzen. Siezen impliziert: Ich kenne dich nicht, Abstand, Duzen ist in solchen Situationen ein sofortiger Zugriff, eine Machtdemonstration und ein Platzverweis: Du unten, ich oben .Der Roman ist insgesamt wirklichkeitsnah und durchaus überzeugend.
  • Bewertung:

Quelle der Bilder und Infos: https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1314-das-maedchen-das-man-ruft.html

ICH HABE Die TITEL ALS REZENSIONSEXEMPLAR ZUR VERFÜGUNG GESTELLT BEKOMMEN.

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Über Zorro

Ich heiße Angelika Zörnig, bin Jahrgang 1948 und liebe Bücher und "Mon Cherie". Diese Kombination ist unschlagbar, besonders wenn es sich um Biografien, Familienromane, Psychodramen, Kurzgeschichten, Novellen und Lyrik handelt. Ansonsten gehe ich leidenschaftlich gern ins Theater und ins Kino oder beschäftige mich mit Märchenerzählen. Ich arbeite als Honorarkraft an einer Hamburger Grundschule. In dieser schönsten Stadt der Welt bin ich auch geboren und habe den größten Teil meines Lebens dort verbracht. Die Rezensionen werden von Stephi abgetippt.

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